von Marleen Kötz, 18 Jahre, Schülerin

Wir verbringen in unserem Leben eine Menge Zeit in der Schule. Dort lernen wir Mathe, Deutsch, Englisch und was man sonst noch so an Fächern hat. Aber sollte Schule nicht auch in anderen Bereichen bilden? Gibt es keine Stärken, Fähigkeiten und Begabungen außerhalb des Fächerkanons? Wir sollten lernen, die Welt um uns herum zu kennen und mit ihr umzugehen. Wir sollten auch lernen, Ziele zu entwickeln und sie zu verwirklichen.

Diese Fähigkeiten sollten ALLE Menschen erwerben, doch durch unser bestehendes Schulsystem ist bereits vorgegeben, wer zu den Lerngewinner_innen und wer zu den Lernverlierer_innen gehören wird.
In Deutschland werden die Kinder oft schon nach der vierten Klasse in drei verschiedene Schultypen kategorisiert. So werden bereits im Alter zwischen neun und zehn die Weichen für die weitere Schullaufbahn gestellt. Durch diese frühe Einteilung werden die sozialen Unterschiede, die die Kinder von zuhause „mitbekommen haben“ zementiert.

Durch ein längeres gemeinsames Lernen profitieren die „bildungsfernen“ Kinder, da sie die Unterstützung bekommen, die sie brauchen; beispielsweise können Kinder, die das betreffende Thema bereits verstanden haben, eine wichtige Stütze sein. Auch diese vermeintlich Leistungsstarken müssen darunter nicht leiden – Wiederholungen helfen, das Gelernte zu verfestigen. Hinzu kommt, dass auch insgesamt eher leistungsschwache Schüler_innen Fähigkeiten haben, die sie an die Leistungsstarken vermitteln können.
Gleichzeitig wird durch den Erfolg, jemand anderem helfen zu können, das Selbstbewusstsein gestärkt. Jedes Kind lernt anders und es ist wichtig, dass jede_r etwas zu einem gemeinschaftlichen Arbeiten und Lernen beisteuert.
Deshalb ist es wichtig, dass alle Kinder länger die Chance haben mit- und voneinander zu lernen.

Außerdem gibt es viele Kinder, die erst nach der 4. Klasse richtig durchstarten. Eine frühe Einteilung in „gut“ und „schlecht“ führt zur Demotivierung vieler Schüler_innen mit Potenzial. Auf Stadtteilschulen zum Beispiel machen viele Menschen Abitur, die in der 4. Klasse gar keine Gymnasialempfehlung hatten. Und dann gibt es auch immer wieder die, die von Gymnasien auf die Stadtteilschulen wechseln, weil sie dem Druck eben doch nicht gewachsen waren. Wer kann ein Kind schon in seinem 10. Lebensjahr für die nächsten Jahre einstufen?
Ersparen wir allen Beteiligten doch diesen Stress und unnötigen Druck und gehen mit einem grünen Wechsel weiter in Richtung eine Schule für ALLE!
Wissen ist Macht. Und in einer Demokratie sollten alle Menschen Macht haben. Also die gleiche Chance auf gleiche Bildung!

In Hamburg hatten wir Aussichten auf ein längeres gemeinsames Lernen, doch Pustekuchen. So langsam erholen sich die Schulen wieder von dem Chaos der letzten Jahre und alles nimmt wieder seine gewohnte Gestalt an. Jetzt kommt wieder eine neue Elterninitiative – „G9 jetzt“. Die Unterstützer_innen fordern, dass an den Gymnasien eine Wahlmöglichkeit besteht, die Schule mit acht oder mit neun Jahren abzuschließen.
13 Jahre Lernen ist theoretisch eine feine Sache. Man hat ein Jahr länger Zeit, sich auf sein Abitur vorzubereiten; hinzu kommt, dass dadurch auch Zeit bleibt, um soziale Kompetenzen zu erlernen. Die Idee ist aber nicht ganz neu. In Stadtteilschulen macht man sein Abitur in neun Jahren. Wenn man also auf einem Gymnasium überfordert sein sollte, gibt es die Möglichkeit auf eine Stadtteilschule zu wechseln. Ich glaube, dass die Eltern, die bei der Initiative „G9 jetzt“ mitwirken, ihre überforderten Kinder, nicht vom Gymnasium nehmen wollen, da Stadtteilschulen noch immer einen schlechteren Ruf haben. Doch genau das ist der Grund, weshalb wir eine Schule für ALLE brauchen. Wenn die Wahlmöglichkeit an den Gymnasien eingeführt wird, wird es so sein, dass weniger Kinder aus unterstützenden Elternhäusern auf eine Stadteilschule kommen und so ihr Konzept des gemeinsamen Lernens geschwächt wird.
Ich bin gegen diese Initiative, weil sie die Einteilung in gesellschaftliche Gruppen fördert und ein gleichberechtigtes Lernen erschwert.

Bildung ist ein zu wichtiger Bereich, um dort Einsparungen zu machen!
An den meisten Schulen stimmt der pädagogische Personalschlüssel nicht. Das bedeutet, dass das Verhältnis zwischen pädagogischen Fachkräften und Schüler_innen nicht passt.
Um jedem Kind die passende Förderung bieten zu können, beraucht man geschultes Personal, das sich die Zeit nimmt, auf die Bedürfnisse der einzelnen Schüler_innen einzugehen. Viele Kinder – egal aus welchen sozialen Milieus – haben soziale Probeme. Um diese zu minimieren braucht man Menschen. Menschen die da sind, zuhören oder mit den Eltern reden können. So etwas kann eine Lehrerin oder ein Lehrer wärend des Unterrichts nicht schaffen. Deshalb bin ich dafür, neben mehr Lehrer_innen auch mehr Sozialpädagog_innen einzustellen.

Um die Gesellschaft zu ändern, muss von dem Glauben abgerückt werden, dass nur die „Elite“ die Verantwortung übernehmen kann. Denn um wirklich etwas zu bewegen, braucht es mehr als gute Noten. Es werden verschiedene Talente, Charaktereigenschaften und Sichtweisen benötigt, um eine Demokratie facettenreich zu gestallten. Das Ziel von Politik sollte es ja sein, dass es möglichst vielen Menschen gut geht. Das kann unmöglich von nur einer Art Mensch geschafft werden.