von Tom Rickers, 19, Abiturient, Sprecher der GRÜNEN JUGEND Hamburg

Die Frage ist so leicht, dass sie bei Jauch wohl keine 50€ bringen würde. Zugegeben, für das Nachmittagsprogramm ist sie schon wieder zu schwer. Die Frage lautet: Was wurde eigentlich bei der letzten Bundestagswahl von den meisten Menschen gewählt? “Die CDU!” will man rufen. Und das ist ja auch erstmal richtig. Stärkste Fraktion mit 27%, die übrigen 6,5% besorgt die Schwester- und Opa-Partei CSU.

Die meisten Menschen wählten aber bei der letzten Bundestagswahl etwas ganz anderes: Nichts.

Die Gründe der 28% Nichtwähler_innen mögen vielfältig sein: Oma hatte Geburtstag, die Katze vom Nachbarn musste ausgeführt werden, die Parteien sind alle doof, das System ist Mist oder die eigene Stimme zählt eh nichts.
Jüngstes negatives Beispiel war die Kommunalwahl in Schleswig-Holstein. Nicht mal die Hälfte der potenziellen Wähler_innen schaffte es an die Urne. Wir schauen uns da mal beispielhaft die kleine Stadt Neumünster an – mein Klassenfahrtsziel in der Grundschule. Die Wahlbeteiligung lag bei 52%, also knapp über dem Landesdurchschnitt. Runtergezogen wurde dieses Ergebnis wie fast überall von den so genannten Erstwähler_innen. Von denen haben bloß ein gutes Drittel ihre Verantwortung erkannt und sind zur Wahl gegangen. Und jetzt kommen die GRÜNEN und die GRÜNE JUGEND mit ihrer Forderung, das Wahlalter zu senken, ins Spiel.
“Jugendliche haben doch gar keinen Bock auf wählen, sieht man ja, die dummen spätpubertären Nichtsnutze!” hört man da oft – oder so ähnlich.

Das ist ein sau blödes Argument. Denn selbst wenn nur ein einziger Jugendlicher mit seinen 16 Jahren zur Wahl gehen würde, hätten wir immer noch eine höhere Wahlbeteiligung als jetzt. Nicht in Prozentzahlen, aber in absoluten Zahlen auf jeden Fall. Und es stimmt auch auch gar nicht, dass die Wahlbeteiligung unter Minderjährigen besonders gering ist. Das sieht man, wenn wir zurück nach Neumünster schauen. Da hatten die Erstwähler_innen wie gesagt eine Menge Geburtstage von Oma zu feiern. Interessant ist aber: Die 16- und 17jährigen erreichten eine Wahlbeteiligung von 40%. Das ist zwar nicht viel, aber das schlechte Ergebnis der Erstwähler_innen kam erst durch die 18- bis 21jährigen zustande, die lediglich 31% erreichten. Das gleiche Phänomen ließ sich übrigens auch bei der Bürgerschaftswahl in Bremen beobachten.

Es stimmt also gar nicht, dass Jugendliche kein Interesse an Politik haben. Auch wenn man sonst selten etwas Positives über die Schule sagen kann – kaum eine Altersgruppe setzt sich wohl so viel mit Politik auseinander wie Schüler_innen. Je nach Bundesland setzt sich ja jede_r in der Schule ca. zwei bis Stunden in der Woche intensiv mit Politik auseinander. Ich kann das leider nicht mit Zahlen belegen, aber ich vermute mal, dass das mehr Zeit ist als ein großer Anteil der Bevölkerung mit Wahlrecht pro Woche aufwendet, um Parteiprogramme miteinander zu vergleichen und sich ein ausgewogenes Bild der Direktkandidat_innen im Wahlkreis zu machen. Das alles bringt aber überhaupt nichts, wenn das Gelernte am Ende nicht angewendet werden darf. Statt im Politikunterricht irgendwelche Modellwahlen zu machen, wird es Zeit, dass Jugendliche endlich das Wahlrecht bekommen. Nur so können Jugendliche eine Lobby bekommen und vermieden werden, dass Sparpläne, Schulreformen oder Klimapolitik auf Kosten derjenigen gemacht wird, die diese Suppe am Ende auslöffeln müssen.