Wir in der GRÜNEN JUGEND wollen die Gesellschaft verändern. Mehr Miteinander, mehr Fürsorge, mehr Verständnis, mehr Akzeptanz, mehr Teilhabe, mehr Demokratie – dafür streiten wir. Der Mensch an sich ist aber träge. Hat er erst einmal seinen Platz in der Gemeinschaft gefunden, kugelt er sich ein und möchte wenig Veränderung. Ein Umdenken in der Gesellschaft ist nicht möglich, ohne dafür so früh wie möglich die Weichen zu stellen. Kinder sind unsere Zukunft – möchten wir die Zukunft verändern, müssen wir unsere Kinder in einer offenen, sozialen und toleranten Welt begrüßen und großwerden lassen. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer anderen Gesellschaft ist die frühkindliche Bildung. Dieser Teil des Bildungswesens wurde viele Jahre ignoriert, dabei ist es die Kindheit, die einen Menschen wesentlich prägt.

Die Kita als Bildungsstätte hat ein unglaublich hohes Potenzial. Das muss genutzt werden! Dabei möchten wir nicht, dass die Kita zur Vorschule wird und den Alltag der Kinder bereits früh verschult. Bildung ist mehr, als die Schulbank zu drücken und grammatikalische Strukturen auswendig zu lernen. Kinder lernen auf viele verschiedene Arten und Weisen. Es mag unsinnig klingen, Kinder streiten zu lassen, aber aus allen Situationen, egal ob Erwachsene sie als positiv oder negativ einstufen, lernen Kinder. Sobald ein Kind aber eine Situation oder ein Erlebnis mit einem bestimmten Gefühl verknüpfen kann, hat es dazu gelernt. Ein Kind muss sich streiten dürfen, damit es früh lernt, mit Konflikten umgehen zu können. Ein Kind muss sich verletzen dürfen, damit es früh lernt, Gefahrenlagen richtig einschätzen zu können. Ein Kind muss im Winter nackt in den Garten gehen dürfen, damit es früh lernt, was ‚kalt‘ und was ‚warm‘ bedeutet. Ein einfaches ‚Kind, zieh‘ dir was an, es ist kalt!‘ hilft dem Kind nicht, da es mit dem Begriff ‚kalt‘ nichts verbindet.

Um diesen Lernprozess zu ermöglichen, bedarf es einer feinfühligen Balance zwischen Selbstbestimmung der Kinder und Eingreifen der Erzieher_innen. Kinder sollten selbstbestimmt ihren Alltag gestalten; Erzieher_innen muss aber das Recht vorbehalten sein, Regeln und Maßnahmen zu erlassen, wenn aus ihrer Sicht die Sicherheit des Kindes, anderer Personen oder Sachen bedroht ist oder die Grenzen anderer Personen verletzt werden. Ihr Handeln sollte dem Grundsatz „Hilf mir, es selbst zu tun“ zugrunde liegen.

Das Zusammenspiel von Erzieher_innen und Kindern sollte in einer Art demokratisch legitimierter Verfassung geregelt sein, die sich die Kita gibt. In dieser Verfassung sollten Erzieher_innen, Eltern und Kinder gemeinsam ein Konzept erarbeiten, mit dem der Kita-Alltag allen bedarfsgerecht geregelt ist. Auch transparent geregelte Regeln und Verbote sollen in der Verfassung stehen. Der sichere Alltag ist ohne Regeln nicht gewährleistet – es muss aber für die Kinder klar sein, warum einzelne Dinge erlaubt und andere verboten sind. Willkür von Erzieher_innen ist fehl am Platze. Uns ist wichtig, dass Kinder ihre Welt selbst gestalten. So werden Kinder schon früh in die Demokratie eingeführt. Davon erhoffen wir uns langfristig die demokratische Gesellschaft, die wir uns wünschen.

Neben dieser partizipativ-demokratischen Kita, die wir uns als ideal vorstellen, sollen aber natürlich auch andere Kita-Formen bestehen. Wir möchten eine Vielfalt an Einrichtungen! Zu dieser Vielfalt zählen wir auch kirchliche Kitas und Kindergärten.

Damit alle Kinder diese frühkindliche Bildung genießen können, fordern wir eine generelle Kita-Pflicht ab dem vierten Lebensjahr. Um die Erziehung aber nicht vollständig zu verstaatlichen, sollte geprüft werden, wie viel Kita verpflichtend sein sollte. Es muss ein Gleichgewicht zwischen dem staatlichen Bildungsauftrag, dem Willen der Eltern und dem Willen des Kindes geschaffen werden. Hierfür eignet sich ein Beratungsgespräch zwischen der Familie und dem Jugendamt, zu dem kurz vor dem vierten Geburtstag des Kindes eingeladen wird oder eine Probezeit, in der sich das Kind mit den Eltern die Einrichtung ansehen darf.

Diese Kita-Pflicht muss aber auch Ausnahmen ermöglichen. Wenn sich das Kind und/oder die Eltern aber gegen den Kita-Besuch aussprechen, sollten sie eine alternative Möglichkeit der frühkindlichen Bildung, wie zum Beispiel Tagesmütter_väter, vorweisen.

Die Neugestaltung der frühkindlichen Bildung wird wie fast alle politischen Vorhaben Geld kosten. Gebühren für den Kita-Besuch lehnen wir aber ab! Was zu hohe Kita-Gebühren für Familien bedeuten, hat die Protestwelle in Hamburg während der schwarz-grünen Koalition gezeigt.

Die von uns geforderte Abschaffung der Kitagebühren wird die Haushalte stark belasten. Der Wegfall der Kitagebühren muss daher durch ein solidarisches Steuersystem ausgeglichen werden. Wer viel Geld verdient, muss auch Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen. Dies gilt auch für Menschen, die persönlich gar keine Kinder haben. Die frühkindliche Bildung ist zu großen Teilen Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Es kann nicht sein, dass Menschen mit geringen Einkommen, die sich entscheiden, Kinder zu haben, mit größeren Summen belastet werden als ihre besser verdienenden Nachbarn ohne Kinder. Auch das Kooperationsverbot zwischen dem Bund und den Ländern muss überdacht werden. Alle haben sich an der Finanzierung unserer Kindertagesstätten zu beteiligen!

Einsparungen können die Haushaltslage zusätzlich entspannen. Es muss sich hierbei jedoch um sinnvolle Einsparungen handeln. Im Bereich der Bildung sollte stets besonders kritisch hinterfragt werden, ob Einsparungen nicht zu folgeschweren Kosten der jüngeren Generation gehen.

Diese Neustrukturierung der Finanzierung ist auch von Nöten, um den Beruf der Erzieherin_des Erziehers attraktiver zu gestalten. Dies ist dringend notwendig, um eine qualitativ hochwertige Kinderbetreuung zu gewährleisten. Attraktivität wird nicht nur mit höheren Gehältern, sondern auch mit einer besseren Ausbildung erreicht. Auch diese wird den Staat Geld kosten. Doch diese Investitionen werden sich in der Zukunft auszahlen. Nur mit gut ausgebildetem Fachpersonal kann der Prozess der Selbstbestimmung zusammen mit Kindern und Eltern zum Erfolg führen.

Eine Steigerung der Attraktivität führt auch dazu, mehr Männer für diesen Beruf zu begeistern. Diese sind leider in frühkindlichen Bildungsstätten immer noch unterrepräsentiert. Dabei ist es notwendig, mehr Männer in Kitas zu haben. Wir wollen dadurch aber nicht erreichen, dass männliche Erzieher Jungs zu ‚starken Männern‘ erziehen, während weibliche Erzieherinnen endlich Zeit haben, mit den Mädchen in der Puppenecke zu spielen. Die Erziehung soll geschlechtsneutral verlaufen und Kinder sollten sich frei von Normen entwickeln. Vielmehr sollen Männer in Kitas Rollenbilder aufbrechen und zeigen, dass auch Männer einfühlsam, behutsam und gefühlvoll vorgehen können und dass die Erziehung nicht nur Frauensache ist.

Zu unserer gesellschaftlichen Vision einer Demokratie gehört die Demokratisierung  aller Lebensbereiche – von Anfang an. Das gilt auch für Kindergärten und Kitas – also Einrichtungen, in denen insbesondere Jüngeren bisher ihr Recht auf Mitbestimmung verwehrt blieb. In unserer Vision sollen Kinder selbstbestimmt leben und selbst entscheiden können, was für sie das Richtige ist. Daher soll das Mitentscheiden und Wählen auch schon im Kindergarten zum Alltag gehören.

Die Kindheit ist wie eine Blume. Die Wurzeln sind wie die Gene, aber das Umfeld bestimmt, wie sie blüht.